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„Dem trickreichen HC-Virus auf der Spur“ - Seminar mit Prof. Bartenschlager am 19.2.2005
Früher als NONA-NONB bezeichnet, gelang es erst im Jahr 1989 Fragmente und
Proteine des Hepatitis C Virus durch neue Testverfahren zu
diagnostizieren. Trotzdem konnte bis dato kein elektronenmikroskopisches
Foto, sondern lediglich ein sogenanntes Strukturmodell erstellt werden.
Auch sind die Krankheitsverläufe Infizierter so unterschiedlich, dass ein
Teil selbst nach langer Infektionsdauer keine bzw. nur ganz geringe Schädigungen
in der Leber aufweist, somit gar nicht behandelt werden muss, es bei einem
Teil jedoch, unabhängig von sonstigen Einwirkungen, in wenigen Jahren über
die Fibrose zur Leberzirrhose und zum Leberkrebs kommt. Zudem spricht bei
einer antiviralen Therapie speziell beim Genotyp 1 nur ein Teil der
Behandelten dauerhaft an, ein Teil wird Wochen später wieder Virusträger
und bei einem Teil bleibt die Therapie wirkungslos.
Vorgänge, die nicht nur uns als Betroffene, sondern auch Mediziner nachdenklich
machen, zum Teil sogar verunsichern und die Entscheidung über das weitere
Vorgehen erschweren. Zudem taucht - wir beobachteten dies in jüngster
Zeit verstärkt - immer wieder die generelle Frage nach der Existenz des
Virus auf. Thesen, die die Existenz eines übertragbaren Virus generell
bestreiten, sowie Vorwürfe von „reiner Geldmacherei“ durch teure,
nicht benötigte Arzneimittel seitens der Pharmaindustrie schwirren durch
Diskussionen, Mailinglisten und Internetforen.
Auch bezüglich der Übertragungswege gab es lange Zeit mehr Spekulationen anstatt klarer
Informationen - und dies nicht nur in der Boulevardpresse.
Höchste
Zeit also, mehr Klarheit über diesen Virus, mit dem - heutigen Schätzungen
zufolge - allein in Deutschland etwa 800.000 Menschen infiziert sind, zu
erhalten. Eine wissenschaftlich untermauerte, sachlich und fachlich
fundierte Klarstellung hielten wir gerade zum jetzigen Zeitpunkt -
angesichts der kontrovers geführten Diskussionen - für notwendig und
angezeigt.
Schon aus
Kostengründen mussten wir die Teilnehmerzahl auf maximal 40 Personen
beschränken. Dies und die schwierige, umfangreiche, zum Teil jedoch
klinisch und molekularbiologisch noch wenig verstandene Thematik
veranlasste uns, dazu gezielt nur Personen, die in der Hepatitis-C-Beratung
aktiv sind, Betreiber von Foren und Mailinglisten sowie mit dieser
Erkrankung konfrontierte und praktizierende Ärzte einzuladen.
Es gibt
weltweit nur wenige Forscher, die sich so intensiv und erfolgreich mit
dieser Thematik auseinander gesetzt haben. Einer davon ist Professor Dr.
Ralf Bartenschlager, Direktor der Abteilung Molekulare Virologie des
Universitätsklinikums Heidelberg, der erst vor kurzem von der Stiftung
des Unternehmens Bristol-Myers Squibb (BMS) mit einem Forschungspreis in Höhe
von 500.000 Dollar ausgezeichnet wurde. Und genau ihn konnten wir an
diesem Samstagmorgen um 9.30 Uhr im eigens dafür angemieteten Kepler-Saal
des Best-Western-Hotels in Mannheim begrüßen. So waren wir überzeugt,
Wissen „aus erster Hand serviert“ zu bekommen, was sich im Nachhinein
auch voll bestätigte.
In
Vorgesprächen waren wir uns mit Prof. Bartenschlager einig, dass er als
Forscher den Schwerpunkt seines Referates auf die Struktur und den
Genomaufbau des Virus legt und beim „klinischen Teil“ besonders auf
die Diagnosemöglichkeiten, die Übertragungswege und das komplizierte
Wechselspiel Virus / Immunsystem eingeht.
Nach
einer kurzen Begrüßung begann Prof. Bartenschlager pünktlich - ohne die
oft übliche „akademische Verspätung“ - seine überaus spannenden,
informativen Ausführungen, die bis 13.30 Uhr - über vier Stunden -
gingen.
Die
wichtigsten Passagen und Aussagen seines Vortrages geben wir nachstehend
wieder:
Die
Diagnose geschieht zunächst mittels serologischer Tests auf das Vorliegen
von Antikörpern gegen das HC-Virus (indirekter Virusnachweis) in der
Regel über den Enzym-Immunoassay-Antikörpernachweis (ELISA/EIA). Zur
Bestätigung positiver EIA-Ergebnisse dienen Western-/Immunoblot-Techniken
(IB = Verfahren mittels Antigenen und anschließendem ELISA) wie RIBA (Rekombinanter
Immunoblot, d.h. das Antigen wird gentechnisch hergestellt). Der direkte
Nachweis des Virus (Antigennachweis) wird über einen (in der Praxis
jedoch wenig eingesetzten) HCV-Core-Antigen-Assay erreicht.
Molekulare
Tests weisen die HCV RNA, also den Virus, direkt nach. Dies
geschieht mittels eines Verfahrens, das RT-PCR (Polymerase Chain Reaction
= Polymerase - Kettenreaktion) genannt wird. Dazu muss die RNA in DNA
(daher RT-PCR) umgeschrieben werden.
Diese
Methode dient dazu, das Virusgenom (Erbgutmaterial) bzw.
Virus-spezifischer RNA (Ribonukleinsäure) direkt nachzuweisen. Soll
untersucht werden, ob überhaupt Viren im Blut sind, spricht man von einer
„qualitativen PCR“, der Betroffene ist also mit dem Virus infiziert
ist. Diese Methode kann nur zwischen „positiv“ (infiziert) und
„negativ“ (nicht infiziert) unterscheiden.
Will man
jedoch die Anzahl der Viren im Blut, also die Viruslast wissen, wird die
„quantitative PCR“ durchgeführt. Diese Messung ist angezeigt, wenn
eine Therapie geplant ist. Wird der quantitative PCR dann z.B. in
zeitlichen Abständen (2, 4, 8 oder 12 Wochen) nach Therapiebeginn
wiederholt, kann dadurch der Therapieerfolg eingeschätzt werden.
Bereits
Ende der 70er Jahre war es gelungen, Schimpansen (dem einzigen Wirt außer
dem Menschen) experimentell mit dem Erreger, damals noch als NONA-NONB
bezeichnet, zu infizieren. Dieser Nachweis des HCV als parenteral übertragbares
Virus konnte mittlerweile eindeutig bestätigt werden. Mensch und
Schimpanse sind die einzigen Träger.
Prof.
Bartenschlager erklärt, wie es ihm 1999 zum ersten Mal gelungen ist, eine
„verstümmelte“ Form des Hepatitis C-Virus, ein sogenanntes
„Mini-Genom“ im Labor nach zu züchten:
"Wir
haben Teile des Virus in Zellkultur vermehren können, indem wir das
Hepatitis C-Genom verändert haben. Der Ausgangspunkt für diese Methode
war die Leber eines chronisch infizierten Hepatitis C-Patienten. Aus ihr
haben wir zunächst die Gesamt-Nukleinsäuren aller Zellen einschließlich
der Hepatitis C-Virus-RNS isoliert. In diesem Gesamtgemisch kommt in sehr
geringen Mengen das Erbgut des Hepatitis C-Virus vor. Dieses Erbgut haben
wir dann zunächst mit Hilfe der PCR-Technik im Reagenzglas vermehrt.
Nachdem es in entsprechend großer Anzahl vorhanden war, konnten wir das
Erbgut in sogenannte Genfähren, auch Vektoren genannt, einschleusen.
Diese Genfähren wurden dann in Bakterien eingeschleust, da in den
Bakterien diese Genfähren zur Vermehrung kommen. So haben wir
letztendlich, nachdem dieser ganze Prozess durchlaufen ist, große Mengen
des Hepatitis C-Virus-Erbguts erhalten. Danach wurde im Labor der Teil des
Erbguts, welches für die Vermehrung des Hepatitis C-Virus zuständig ist,
gentechnisch verändert, vermehrt und analysiert. Genau dieser Teil, den
wir in der Zellkultur zur Vermehrung bringen konnten, enthält die
Hauptangriffsziele für antivirale Therapien.
Prof.
Bartenschlager und sein Arbeitsteam haben diese Forschungsarbeiten weiter
intensiviert. Zusammen mit Wissenschaftlern der Universität von Tokio
konnte er im vergangenen Jahr ein neues Zellsystem entwickeln, in dem der
vollständige Lebenszyklus des HCV - also vom Eindringen in die Zelle über
die Vermehrung innerhalb der Zelle bis zum Verlassen der infizierten Zelle
- im Labor dargestellt werden kann und gleichzeitig die Vermehrung des
Hepatitis C Virus im Labor erlaubt. Die Möglichkeit, den (infektiösen)
Erreger in einer Zellkulturschale zu vermehren, ist eine ganz wichtige
Voraussetzung für die verbesserte Entwicklung von Wirk- und Impfstoffen.
Es ist also kein neues Medikament, aber ein sehr elementares Werkzeug, das
die Wirkstoff- und hoffentlich auch die Impfstoffentwicklung beschleunigen
und verbessern wird. Zum Beispiel werden die allermeisten potenziell antiviralen Substanzen in diesem Zellkultursystem
validiert (überprüft). Das gilt insbesondere für Polymeraseinhibitoren,
die vorher in dieser Form nicht getestet werden konnten. Außerdem kann
man unmittelbar überprüfen, ob eine Substanz in einer Zelle wirkt und
nicht nur im Reagenzglas mit einem isolierten, viralen Enzym. Das
Replikonsystem ist somit auf jeden Fall das Standardmodell in der
Entwicklung von Wirkstoffen, die unmittelbar an der Virusvermehrung
angreifen.
Das
HC-Virus zählt zur Familie der Flaviviren (flavus = Gelbfieber). Es
handelt es sich um ein kleines, von einer Hülle umgebenes, einsträngiges
RNA-Virus mit einem Durchmesser von 50 Nanometern. Im Vergleich mit einer
Leberzelle hat das HCV die Größe eines Fußballs (Virus) zu einem Fußballfeld
(Leberzelle). Nach
einer Infektion entwickelt der Körper binnen 4-8 Wochen Antikörper (AK)
dagegen. Der AK-Nachweis kann bis zu 8 Wochen nach der Infektion negativ
bleiben. Die Zeit zwischen Infektion und Nachweis einer Infektion
bezeichnet man als diagnostisches Fenster. Um diese Zeit zu verkürzen,
wird bei Verdacht auf eine Infektion die HCV-RNA mittels eines PCR-Tests
durchgeführt. Das diagnostische Fenster kann dadurch auf wenige Tage
reduziert werden.
In bis zu
40 % der akuten Infektionen gelingt es dem körpereigen Immunsystem, das
Virus zu eradizieren (entfernen), das heißt, die Infektion heilt von
selbst aus. Dies hängt mit der „Stärke“ der vorhandenen
(angeborenen) Immunität und dem Zustand des Infizierten in diesem
Zeitpunkt (z.B. geschwächt durch eine Operation) zusammen. Der Betroffene
ist jedoch auch bei ausgeheilter Infektion gegen eine erneute Infektion
nicht geschützt.
Gelingt
es dem Immunsystem (binnen ca. 6 Monaten) nicht, das Virus zu eliminieren
(entfernen), spricht man von einer chronischen Hepatitis C. Beeinflusst
wird der Übergang in die chronische Form oftmals auch durch die Menge der
übertragenen Viren. So wurden in früheren Jahren (überwiegend vor 1989)
bei Transfusionen von kontaminiertem Vollblut die Empfänger meist
mit großen Mengen HC-Viren infiziert.
Viren
sind intrazelluläre Parasiten. Sie sind nicht in der Lage, sich selbst zu
vermehren, sie brauchen dazu eine lebende (in diesem Fall) menschliche
Zelle. Viren können nur diejenigen Zellen infizieren, die auf ihrer
Membran (Hülle) spezifische Rezeptoren tragen, an die sich das Virus
anheften kann. Es muss sich daran festhalten können, bevor es in die
Zelle kann (Adsorption).
Leberzellen
haben die passenden Rezeptoren für das HCV. So heftet sich das Virus an
die Leberzelle, dringt über diesen Rezeptor in die Zelle ein und setzt
dort sein Erbgut frei. Mit Hilfe der „Werkzeuge“ der Leberzelle (ohne
diese wäre es dazu nicht in der Lage) vermehrt es sich (bis zu 50 Viren
pro eingedrungenem Virus) und wird dann, fertig montiert, wieder aus der
Zelle ins Blut ausgeschleust, wobei es sich als Schutz Teile der
Zellmembran überstreift. So „getarnt“ befällt es erneut Leberzellen.
Das Virus transportiert also seine verschiedenen Bestandteile in das
Plasma (nicht den Kern) der Leberzelle und „befiehlt“, Nachkommen nach
seinem Muster herzustellen.
Die
Ursache, warum HCV in vielen Fällen chronisch wird, hängt zudem mit dem
Umstand zusammen, dass dieser Vorgang sehr schnell vonstatten geht und es
dabei oft zu Kopierfehlern, sogenannten Mutanten kommt. Das körpereigene
Immunsystem kann diese Mutanten dann nicht sofort erkennen. So entgehen
sie der Immunantwort. Außerdem ist die Replikation (Vervielfältigung)
und dadurch die Gesamtmenge an Viren bei weitem nicht so hoch wie z.B.
beim Hepatitis B Virus. Mit anderen Worten ausgedrückt, das Virus
stimuliert keine solch starke Immunantwort wie bei Hepatitis B und die
Infektion „köchelt“ vor sich hin und wird im akuten Zustand durch das
Immunsystem nicht genügend bekämpft. Ein Zeichen dafür könnte auch das
selten zu beobachtende Gelbwerden im akuten Stadium der Infektion sein.
Dies ist gleichzeitig das Gefährliche an der Hepatitis C Infektion, dass
diese oft jahrelang nicht bemerkt wird, da sie zu Beginn und in den ersten
Jahren danach oft kaum sichtbare und stark beeinträchtigende Beschwerden
macht.
Die
Leberzelle, die befallen ist, wird danach zerstört – allerdings nicht
vom Virus selbst, sondern primär durch die körpereigene Immunreaktion.
Das Virus selbst wirkt offensichtlich nicht direkt zytotoxisch (zellschädigend).
Das Virus benötigt die Zelle zur Vermehrung, hat also kein Interesse
daran, sie zu zerstören.
Die
eigentliche Leber(zell)schädigung erfolgt insofern durch das eigene
Immunsystem, das je nach Ausmaß dieser Abwehrreaktion eine entsprechend
starke Entzündung auslöst und im chronisch gewordenen Zustand der
Infektion dazu führt, dass die körpereigene Produktion neuer
funktionierender Zellen nicht mit der Abstoßung befallener Zellen
mithalten kann, und diese dann durch funktionslose Bindegewebszellen
ersetzt.
Dazu
passt auch die Erkenntnis, dass die gemessene Anzahl der Viren im Blut
keine Rolle spielt bei der Schwere der Erkrankung. Viele Viren zu haben,
heißt also nicht, dass die Erkrankung schwerer verläuft, als wenn wenige
Viren vorhanden sind.
Einfluss
auf den Verlauf der Leberschädigung hat möglicherweise auch die
Tatsache, dass nicht in allen befallenen Leberzellen die Viren in der Lage
sind, sich zu reproduzieren und dass die Anzahl der Vermehrung
unterschiedlich ist. So schreitet die Infektion der Leberzellen im
chronischen Zustand und damit die Leberschädigung je nach Immunmodulation
voran. Hier gilt das Zitat: „Lieber ein Ende mit Schrecken“, soll heißen,
eine starke Immunreaktion in der akuten Phase, mit Leberschädigung und
Viren-Elimination und damit Zell-Regeneration (Erneuerung) als „ein
Schrecken ohne Ende“, also eine schwache Immunantwort und eine ständige
Zellenzerstörung, die im Lauf der Jahre, ist die Entzündungsaktivität
hoch, zur Wucherung des Gewebes durch Zellvermehrung (Proliferation)
und so zur Bildung von (funktionslosem) Bindegewebe anstelle von aktiven
Leberzellen und damit zur Fibrotisierung bis hin zur Zirrhose führt.
Hinzu
kommt, dass das Immunsystem durch viele andere Einflüsse (z.B. negativer
Stress), teilweise auch von außerhalb des Körpers (z.B. toxische
Umweltbelastung) ständigen Schwankungen unterworfen ist.
So erklärt
es sich, dass manche Infizierte sehr lange mit dieser Erkrankung leben,
ohne dass es zu wesentlichen Leberschädigungen kommt, und dass auf der
anderen Seite auch eine Immunsuppression (notwendig bei
Organtransplantierten) nicht unbedingt den Verlauf der Fibrotisierung
negativ beeinflusst.
In Zahlen
ausgedrückt: etwa 20% der Betroffenen entwickeln im Laufe der Zeit durch
diese Vorgänge eine Leberzirrhose, davon wiederum 1-6% pro Jahr ein HCC (HepatoCelluläresCarcinom
= Leberzellkarzinom). Im Unterschied zu einer chronischen Hepatitis B
entsteht ein Leberzellkarzinom bei der Hepatitis C erst auf dem Boden
einer Leberzirrhose. Leberkrebs aufgrund einer HCV-Infektion kann also
vermieden werden, wenn es nicht zur Leberzirrhose kommt. Eine wichtige
Botschaft, die unterstreicht wie entscheidend frühzeitige Diagnose und
ggfs. notwendige Behandlung sind.
Ein
Kofaktor, der den Prozess der Leberschädigung enorm beschleunigen kann,
ist der regelmäßige Konsum von mehr als 50 g Alkohol pro Tag. Dies zeigt
sich auch für andere Noxen (Gifte) wie Rauchen, Medikamente, Umweltgifte
etc.
Es ist
statistisch erwiesen, dass das Geschlecht ein bedeutender Faktor beim
Krankheitsverlauf ist. So entwickeln Männer eher eine Zirrhose im Laufe
der Jahre als Frauen. Auch Übergewicht wirkt sich negativ auf den Verlauf
aus.
Hepatitis
C wird über den Blutweg übertragen, auch wenn nach wie vor ein gewisser
Prozentsatz nicht weiß, auf welchem Weg sie sich infiziert haben. Dies dürfte
vor allem an dem meist großen Zeitabstand zwischen Infektion und Diagnose
liegen.
Bis zum
Jahr 1991 waren für eine Infektion hauptsächlich Transfusionen von Blut
und Blutprodukten verantwortlich. Dieser Übertragungsweg hat in den
Folgejahren mit der Einführung eines zusätzlichen Testverfahrens weiter
an Bedeutung verloren. So hat das PEI (Paul-Ehrlich-Institut) am 1.4.1999
hat für alle Blutkonserven in Deutschland die NAT-Testung (direkter
Virusgenomnachweis mittels RT-PCR) auf HCV angeordnet. Auf europäischer
Ebene wurde die NAT-Testung auf HCV für Plasmapools zum 1.7.1999 eingeführt.
Dadurch konnte das Übertragungsrisiko auf diesem Weg weiter wesentlich
vermindert werden.
Hauptsächliche
Infektionsquellen heutzutage sind: intravenöser Drogengebrauch („needle
sharing“, also gemeinsames Benutzen von Spritzbesteck, bei dem es zum
Austausch von Blut kommt), Mutter-Kind Übertragung (ca. 5%),
berufsbedingte Exposition (Nadelstichverletzung), ca. 2%, iatrogene /
nosokomale Übertragung (medizinische Untersuchungs- und
Behandlungsmethoden / im Krankenhaus erworben z.B. über endoskopische Geräte),
durch intranasalem Kokainkonsum („straw sharing“, also gemeinsames
Benutzen von Instrumenten, die Kontakt mit der Nasenschleimhaut und damit
auch potentiell Blutkontakt möglich machen).
Im
Prinzip alles, was parenterale (unter Umgehung des Verdauungstraktes, also
z.B. Injektionen durch s.c./i.c./i.m./i.v. = subcutan/intracutan/intramusculär/intravenös)
Risikofaktoren betreffen.
Auch für
die sexuell mögliche Übertragung gilt, dass für eine Infektion über
diesen Weg ein Blutkontakt notwendig ist, so Prof. Bartenschlager. Eine
Infektionsmöglichkeit durch reinen Schleimhautkontakt ist praktisch nicht
gegeben.
Extrahepatische
Manifestationen
Eine
chronische HCV kann zu Beschwerden führen, die nicht mit der Schädigung
der Leber einhergehen, sondern offensichtlich vom HC Virus selbst
verursacht werden. Man spricht dann von sogenannten „extrahepatischen
Manifestationen“.
Auf
welche Weise genau diese Schädigungen vonstatten gehen, wird derzeit noch
erforscht. Prof. Bartenschlager nannte folgende wesentlichen
Begleiterkrankungen:
Kryoglobulinämie:
Bei 30-50% der Infizierten findet man, oft ohne Symptome, Kryoglobuline im
Blut. Kryoglobuline sind Kälteglobuline. Es handelt sich dabei um kältelabile
Eiweiße, die unterhalb der normalen Körpertemperatur gelartig werden und
dadurch zu erhöhter Blutviskosität, Störungen der Mikrozirkulation und
Gefäßwandirritationen führen. Es besteht Neigung zu vorübergehenden
oder irreversiblen sakralen Durchblutungsstörungen, die Auswirkungen bis
zu ausgeprägten Organschädigungen haben kann. Häufig werden
Anti-HCV/HCV-RNA/Rheumafaktoren-Komplexe festgestellt. Verläuft eine
Kryoglobulinämie symptomatisch, kommt es zu Gelenkbeschwerden (Arthralgien),
Hautausschlägen, Purpura (Entzündung der kleinen und mittleren Blutgefäße
mit punktförmigen Hautblutungen), Müdigkeit und Schwäche. Diese
Beschwerden können auch nach einer erfolgreichen Therapie weiter
bestehen.
Glomerulonephritis
(eine Entzündung der kleinen Nierenkanälchen), ggf. Nierenversagen, das
Sjörgen-Syndrom (Autoimmunerkrankung der exokrinen Drüsen), Porphyria
cutanea tarda (Lichtdermatose, erhöhte Vulnerabilität der Haut) als
seltene Komplikation auf Grund der Störung der Biosynthese des Häm) sind
weitere extrahepatische Manifestationen.
Therapie
Interferone
sind körpereigene Eiweißstoffe, die von Zellen des Immunsystems sowie
Zellen des Bindegewebes gebildet werden. Interferone binden an bestimmte
Rezeptoren befallener und nicht befallener Zellen und setzen damit
verschiedene Reaktionen (zum Beispiel Hemmung der Virussynthese) in der
Zelle in Gang - ohne selbst in die Zelle einzudringen. Interferone schützen
damit Zellen vor der weiteren Ausbreitung einer Infektion und spielen als
Boten- und Signalstoffe eine zentrale Rolle in der körpereigenen Abwehr
von Virusinfektionen. Außerdem konnte nachgewiesen werden, dass
Interferone das Wachstum und die Teilung sowohl von gesunden als auch bösartigen
Zellen hemmen. Darüber hinaus verstärken sie das Auftreten von Markern
an der Zelloberfläche, die dem Immunsystem anzeigen können, dass die
Zelle von einem Virus befallen wurde.
Auf der
anderen Seite hemmt das HC-Virus beim Befall der Zelle die IFN-Produktion.
So betrachtet findet ständig ein „Wechselspiel“ zwischen
Virusreplikation und Interferon statt.
Wie genau
der Wirkstoff Ribavirin wirkt, ist noch nicht vollständig geklärt.
Ribavirin konnte im Monoversuch keine direkt-antivirale Wirkung zeigen.
Zur Zeit spricht Einiges dafür, dass Ribavirin einen Relapse
(Wiederauftreten der Erkrankung) verhindert, indem es die Mutationsrate im
Virusgenom steigert, dieses sich quasi von selbst „totmutiert“. Im
Labor konnte mittlerweile nachgewiesen werden - Vorteil des
Replikon-Systems -, dass Mutanten empfindlicher auf Interferon als
„normale“ Kopien reagieren.
Eine
Notwendigkeit für eine antivirale Therapie sieht Prof. Bartenschlager bei
Patienten mit chronischer Hepatitis C mit einem erhöhten Risiko für
Zirrhose, das heißt: einer positiven HCV-RNA, einer Entzündungsaktivität
und einer signifikanten Fibrose.
Definition:
„sustained viral response“ (SVR) = kein HCV-Virusnachweis
mehr bis 6 Monate nach Therapieende.
Weniger
als 4% der Patienten zeigen „Relapse“ (Rückfall, Wiederauftreten des
Virus) bei SVR.
Der
Nutzen einer Therapie besteht neben nicht nachweisbarer viraler RNA und
der Normalisierung der Leberwerte zumeist in einer Reduktion (Abklingen)
der Leberentzündung.
Bei 16/16
Patienten (11 SVR, 5 spontane Ausheilung) war das Virus weiterhin
nachweisbar in Serum und/oder PBMC’s (periphere mononukleäre
Blutzellen). Wurden diese stimuliert, kam es zu einer Neuinfektion.
Die
zweite Studie von Radkowski et.al, 2005:
Bei 15/17
Patienten war das Virus ebenfalls noch nachweisbar, und zwar in Serum oder
PBMC’s oder bei der Leberbiopsie. Bei 15/17 Patienten verblieb also das
Virus auch nach erfolgreicher Therapie weiterhin im Körper.
Es fand
in beiden Studien keine Neuinfektion statt. Es handelt sich zwar um wenig
Patienten, doch die Daten scheinen gut kontrolliert zu sein. Laut Prof.
Bartenschlager wurden solche Erkenntnisse schon seit längerer Zeit
vermutet. Hauptgrund sei insbesondere die Tatsache, dass sich auch nach
erfolgreicher Therapie bzw. Spontanheilung in der akuten Phase eine
humorale (Antikörper) und zelluläre Immunantwort gegen das HCV
nachweisen lässt. Aufgrund der Verbesserung aller sonstigen Werte (siehe
Absatz „Nutzen einer Therapie“) scheint jedoch die Restmenge an Virus
von der Immunantwort relativ gut kontrolliert zu werden. Problematisch könnte
es werden, wenn das Immunsystem beeinträchtig wird, insbesondere bei
Immunsuppression (z.B. aufgrund Transplantation oder einer HIV-Infektion).
Die Anwesenheit weniger Viren/Virusproteine könnte auf der anderen Seite
auch den positiven Effekt eines stets wachen Immunsystems auslösen, das
eine nennenswerte und damit ggfs. schädigende HCV-Vermehrung nicht zulässt.
Weitere
Untersuchungen müssen zeigen, was die mögliche Viruspersistenz im
Endeffekt für den Patienten bedeutet.
Außer
Interferon-a (Alpha-Interferon) könnte in naher Zukunft vor allem
Interferon-g (Gamma-Interferon) für die Therapie an Bedeutung gewinnen.
Bisherige Forschungen von Prof. Bartenschlager mit dem Replikonsystem
zeigen, dass beide Interferone auf verschiedene Weise die Virusreplikation
hemmen, das gamma-Interferon jedoch die noch etwas bessere Wirkung
aufweist. Eine Kombination Interferon alpha/gamma wäre denkbar, die
klinische Lage ist aber noch unklar.
Fazit des
klinischen Teils: Auch in naher Zukunft kann in der Behandlung der
Hepatitis C auf Interferone (alpha und gamma) nicht verzichtet werden. Sie
werden vermutlich in der Kombination mit selektiven Wirkstoffen aus der
Molekularbiologie wie den Hemmern der Proteine Protease, Polymerase und
-weniger aktuell - Helicase - ergänzt.
Als
„Bonbon“ und Übergang zum 2. molekularbiologischen Teil in der nächsten
Ausgabe das erste Immun-elektronenmikroskopische Bild des Hepatitis C
Virus (Nachweis der Hüllproteine mit anti-E2)
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