Kaffee als Leberschutz – Bericht von Prof. R. Thimme (Innere Medizin II an der UniKlinik Freiburg) in der Zeitschrift „Der Gastroenterologe“ (Bd. 3, S. 53) und in der FAZ vom 29.1.2008

Das hepatozelluläre Karzinom (HCC) ist weltweit einer der häufigsten malignen Tumoren mit steigender Inzidenz auch in westlichen Ländern. Zu den Risikofaktoren gehören die Virushepatitiden B, C und D, Alkohol, hereditäre Ursachen, insbesondere die Hämochromatose, Diabetes mellitus, Übergewicht bei Männern und andere. Sie alle können zur Entwicklung einer Leberzirrhose und eines HCC beitragen. In Abhängigkeit von der Ätiologie kann das Fortschreiten der Lebererkrankung durch eine antivirale Therapie, Alkoholabstinenz, Aderlass etc. verhindert werden. Darüber hinaus haben interessanterweise in den letzten Jahren einige Studien einen positiven Einfluss von Kaffeegenuss auf die Transaminasen sowie die Entstehung einer Leberzirrhose bzw. eines HCC dokumentiert. Dieser schützende Effekt war bei Alkoholkonsum und/oder chronischer Hepatitis-B-(HBV)- bzw. Hepatitis-C-Virus (HCV)-Infektion nachweisbar. In der Metaanalyse von Bravi et al. wurden die bisher publizierten Studien über den Zusammenhang zwischen Kaffeegenuss und HCC-Risiko analysiert.

Die Metaanalyse zeigt eindrücklich, dass Kaffeegenuss das HCC-Risiko um nahezu 40% reduziert. Dieser Effekt war sowohl in Kohorten- als auch in Fall-Kontroll-Studien nachweisbar, und auch in verschiedenen geographischen Regionen, z. B. in Südeuropa, wo viel Kaffee getrunken wird, und in Japan, wo Kaffee deutlich weniger konsumiert wird. Der protektive Effekt hinsichtlich der HCC-Entstehung war auch bei Patienten mit einer bereits bestehenden chronischen Hepatitis oder Leberzirrhose nachweisbar. Somit kann der schützende Effekt des Kaffees auf die HCC-Entstehung nicht allein über eine Hemmung der Zirrhose-Entwicklung erklärt werden.

Man vermutet, dass verschiedene Komponenten zumindest im ungefilterten Kaffee zum Zellschutz beitragen, etwa das Kafestol. Es erhöht zum Beispiel die Konzentration von Gluthation, einem Eiweiß, das auch in der Leber verschiedenen Schäden im Zellstoffwechsel vorbeugt. Koffein selbst lagert sich dem sogenannten A2A-Rezeptor an der Oberfläche von Zellen an. Dadurch wird beispielsweise die übermäßige und für die Leberzellen schädliche Aktivität von Entzündungszellen gehemmt. Theophyllin, eines der Abbauprodukte von Koffein, aber wohl auch Koffein selbst verhindern, dass sich funktionstüchtiges Organgewebe in unbrauchbares, narbiges Bindegewebe verwandelt. Das wurde zumindest bei der Niere und Lunge nachgewiesen. Es könnte ebenso ein Schutzmechanismus für die Leber sein, denn auch bei der Zirrhose, die sich infolge einer Virushepatitis oder der Alkoholsucht entwickelt, wird Lebergewebe in Bindegewebe umgewandelt. Die meisten Leberzell-Karzinome entstehen in Zusammenhang mit einer Zirrhose. Ein einheitliches Bild von all diesen Wirkungen gibt es freilich noch nicht.

Bislang war eher unklar, ob Kaffee leberkranken Patienten schadet oder nicht. In manchen Ratgebern findet man den Hinweis, ihn eher zu meiden. Die Freiburger Ärzte sehen nun keinen Grund mehr, diesen Kranken vom Kaffee abzuraten. Andere aktuelle Beobachtungen sprechen ebenfalls für das beliebte Getränk. Eine Veröffentlichung der Harvard-Universität über die Trinkgewohnheiten von mehr als 80.000 Frauen der Nurses' Health Study zeigt, dass Kaffeekonsum auch das Risiko für Eierstockskrebs zu senken vermag. Dies gilt vor allem für diejenigen Frauen, die zuvor nie die Pille genommen haben („Cancer“, doi:10.1002/cncr.23275).

Für die Praxis bedeutet dies: Patienten mit chronischen Lebererkrankungen sollte nicht von regelmäßigem Kaffeekonsum abgeraten werden. Vielmehr bekommt eine alte Tradition –„A coffee with your brandy, Sir?“ – eine neue medizinisch begründete Bedeutung. Ein hoher Kaffeekonsum wurde abhängig von der Studie definiert als >1–3, ein geringer Kaffeekonsum als <1–3 Tassen pro Tag definiert.

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